Nachruf zu Mechthild Immenkötter
Mechthild - die Ungewöhnliche
Mechthild war stark im Sterben wie im Leben.
Als sie sich eingestehen musste, dass sie den Kampf ums Überleben verlieren würde, wollte sie den Zeitpunkt ihres Dahinscheidens selbst bestimmen. Sie bestand darauf und das mit letzter unbändig großer Kraft, dass alle Kabel und Schnüre, die sie noch künstlich am Leben hielten, entfernt wurden. Ihrem starken Willen mussten auch die Ärzte nachgeben. Sechs lange Wochen der Qual lagen hinter ihr, mit künstlicher Beatmung, Antibiotika, Schmerzmitteln, künstliche Nahrungsaufnahme u.s.w..
Tapfer und mit starkem Willen stand sie den letzten Kampf durch.
Zeit ihres Lebens war Mechthild Immenkötter eine mutige, engagierte und zielstrebige Person. (von 1936 bis 2025)
Mechthild war herausragend und charakterstark. Ihr Lebensverlauf war ungewöhnlich. Sie hatte das Glück, dass ihre Mutter ihre vielfältigen Begabungen früh erkannte und sie entsprechend förderte. Mechthild hatte nie das Gefühl gegenüber ihrem Bruder hinsichtlich Ausbildung und Berufswahl benachteiligt zu werden, was in ihrer Jugend und in der Region, in der sie aufwuchs (Ruhrgebiet) eher die Regel und Norm war. Sie durchlief Schule und Studium mit überdurchschnittlich guten Noten. Die Wahl des Jurastudiums war für eine junge Frau in jener Zeit eine seltene Ausnahme und angesichts der herrschenden Vorurteile und Vorbehalte hinsichtlich logischer Intelligenz und Fähigkeiten von Frauen zu jener Zeit ein außerordentlicher mutiger Schritt.
Ohne Vorbilder aus der eigenen Familie entschied sie sich für diese Studienrichtung, von der sie sich einen beruflichen Aufstieg versprach. (ab 1955). Da sie keine juristischen Vorkenntnisse und Erfahrungen für ihr Studium mitbrachte, war sie sich eines gewissen Risikos ihrer Studienwahl durchaus bewusst. Darüber setzte sie sich aber mit großer Ausdauer, Selbstbewußtsein, innerer Kraft und Unabhängigkeit hinweg, Sie reagierte auf Vorurteile, mit denen sie während ihres Studiums immer wieder mal konfrontiert wurde, zwar kurzfristig mit großer Wut, ließ sie dann aber meist mit der ihr eigenen Sturheit und Widerstandskraft nach einigen Überlegungen an sich abprallen. Oft gelang es ihr auch sie einfach zu ignorieren.
Sie schreckte auch nicht vor einem häufigen Studienortwechsel (Münster, Freiburg, München und Paris) zurück, was große Unabhängigkeit, Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und Mobilität von ihr verlangten, ihr aber auch einen größeren Überblick, Abstand und Gelassenheit über ihr Studienfach , das ihr von Haus und Familie her nicht vertraut war, gaben. Dadurch konnte sie im Verlauf ihrer Studienzeit ein in der damaligen Zeit relativ überdurchschnittlich hohes Maß an beruflicher und privater Selbständigkeit erlangen, das ihr im späteren beruflichen Leben ein breites Spektrum an beruflichen Möglichkeiten eröffnete.
Mechthild schloss ihr Jurastudium mit dem zweiten Staatsexamen ab. Anschließend konnte sie dann in der Zeit von 1963-64 dank eines Stipendiums ihre Studien an der University of Chicago Law School fortsetzen, was ihr immer wieder viel Anerkennung, Bewunderung und überdurchschnittlich große berufliche Chancen einbrachten. Nicht zuletzt auf Grund ihrer Studien an der oben genannten berühmten Chicagoer University konnte sie sich erfolgreich an einer University in Äthiopien als Professorin bewerben, wo sie zwei Jahre lang erfolgreich in Rechtswissenschaften unterrichtete und Vorlesungen abhielt. Ihre berufliche Karriere setzte sie danach in hohen Positionen in verschiedenen Ministerien auf Landes- und Bundesebene in der BRD fort.
Von 1976 bis 1986 war Mechthild u.a. Leiterin der Leitstelle Frauenpolitik NRW, eine der ersten Institutionen dieser Art auf Landesebene. In dieser Zeit, in der sie für die Gleichstellung von Frauen auf Landesebene in NRW verantwortlich war, erfuhr sie für ihre Arbeit und Vorhaben in ihrem beruflichen Umfeld z.B. bei ihren unmittelbaren Vorgesetzten viel Anerkennung. Anderseits war Frauenpolitik seinerzeit Neuland und stieß in Politik und Gesellschaft auch auf viel Ablehnung und Widerstand und Aufgeregheiten. Mechthild stand in dieser Position oft im Blickfeld des öffentlichen und kritischen Interesses und musste für ihre beruflichen Vorhaben meist große Ausdauer und Beharrlichkeit beweisen. Jeder ihrer beruflichen und politischen Schritte wurde kritisch beobachtet.
Dabei wurden ihre beruflichen Möglichkeiten, die bei ihr wie oft bei Frauen in höheren Positionen in der öffentlichen Verwaltung sehr begrenzt waren, hinsichtlich finanziellem Bujet, Weisungsbefugnissen, personeller Ausstattung und Handlungsspielräumen, von externen BeobachterInnen meist weit überschätzt. Viele Vorhaben ließen sich angesichts schwerfälliger bürokratischer Strukturen nur sehr langsam voranbringen oder scheiterten am internen Widerstand in der Verwaltung. Das löste angesichts höchster Erwartungen an die neu geschaffene Position Frauenpolitik auf Landesebene immer wieder mal Unmut in der Öffentlichkeit über Person und Amt von Mechthild Immenkötter aus. Anderseits: hatte sie mit Projekten bei einem Teil der Bevölkerung in NRW großen Erfolg wie z.B. mit der Aktion und dem Plakat (mit Bild von einem Häschen) „Eine Frau ohne Beruf macht ein Leben lang Männchen“ , rief sie doch gleichzeitig bei einem anderen Teil der Bevölkerung große Entrüstung hervor. Letztere sahen in dieser Aktion eine Diskriminierung von Hausfrauen und Müttern. Obwohl es sich dabei eigentlich schon um weitgehend unbestrittene Anliegen und gesellschaftspolitische Ziele, nämlich Berufstätigkeit und Eigenständigkeit von (verheirateten) Frauen, handelte.
In der Zeit von 1998 bis 2022 war Mechthild Immenkötter Präsidentin des von ihr von Anfang an mit auf den Weg gebrachten „Verbandes alleinstehender Frauen“, abgekürzt „vaf“. Dieser war 1982 in einem Kreis von politisch und ge-werkschaftlich aktiven Frauen vor allem um die Gewerkschafterinnen der IG-Bergbau und Energie, Marlies Kupsch und Dr. Heide Ott ins Leben gerufen worden. Die Gründung des Verbandes war in der damaligen Zeit ein kühner Schritt. Im allgemeinen gesellschaftlichen Bewusstsein wurden Frauen seinerzeit nicht so sehr als eigenständige Personen, sondern vor allem in Bezug auf ihre Funktion als Ehefrau wahrgenommen. Die Rolle der Frau war vom Leitbild der Ehefrau und Mutter geprägt, deren gesellschaftliche Stellung sich vom Beruf und Einkommen des Ehemannes und „Ernährers“ ableitete. „Die Frau an seiner Seite“, „die Frau von …..“ bildeten die Norm. Dies führte in besonderem Maße zu vielfältigen Diskriminierungen von alleinstehenden und alleinerziehenden Frauen, sozial wie auch materiell. Vielfach wurde ihnen das Stigma der Einsamen, Verlassenen, der Egoistin angeheftet.
Der Verband alleinstehender Frauen hat es sich seit seiner Gründung zur Aufgabe gemacht, gegen die vielfältigen Diskriminierungen alleinstehender Frauen anzukämpfen. Die besondere Weitsichtigkeit der Gründerinnen zeigte sich darin, dass sie den Kampf um die Gleichstellung und Anerkennung aller Lebensformen von Anfang an mit dem Gedanken der Eigenständigkeit von Frauen als Ziel und Grundlage des Zusammenschlusses verbanden, wobei der Verband zunächst die alleinstehenden Frauen im Fokus hatte.
Die Ziele des Verbandes entsprachen voll und ganz von Anfang an den Überzeugungen von Mechthild. Mit großem Engagement hat sie sich jahrzehntelang für die eigenständige Existenz- und Alterssicherung von Frauen und für Lohngleichheit eingesetzt. Ein besonderes Anliegen des Verbandes seit seinem Bestehen war eine Reform der Besteuerung nach dem Splittingverfahren, gegen das vor allem auch Mechthild unermüdlich und beharrlich jahrzehntelang angekämpft hat- ohne sich durch ausbleibende Erfolge beirren zu lassen. Zweifellos gehörte der vaf zu den Verbänden die das Thema immer wieder auf die politische Agenda gebracht und die Fehlleitung hoher finanzieller Mittel angeprangert hat. Zu einer grundlegenden Änderung der Gesetzgebung kam es zu Lebenszeiten von Mechthild jedoch nicht mehr.
Das Ehegattensplittung wurde (und wird) vom Verband aus zwei Gründen abgelehnt:
- weil es hohe Einkommen unverhältnismäßig begünstigt (bei keinem oder geringem Einkommen der Ehefrau) und
- weil es das traditionellen Familienbild der Familie in den Vordergrund rückt und dadurch die Erwerbstätigkeit von Frauen erschwert (bei höherem Einkommen des Ehemannes und geringem oder keinem Einkommen der Ehefrau). Der Aufwand, insbesondere wenn Kinder noch zu betreuen sind, steht in keinem Verhältnis zum wirtschaftlichen Ertrag der Berufstätigkeit.
Im Jahr 2000 erfolgte unter maßgeblichem Einfluss von Mechthild eine Umbenennung des Verbandes in Verband aktiv-unabhängiger Frauen. Damit rückte der Gedanke in den Fokus, dass die eigenständige Existenzsicherung für alle Frauen, unabhängig vom Familienstand, individuell und gesellschafts-politisch von großer Bedeutung ist. Chancengleichheit in existenzieller Abhängigkeit kann es nicht geben. Um so wichtiger ist es, notwendige Rahmenbedingungen einer eigenständigen Lebensplanung aller Frauen einzufordern, was der vaf nicht zuletzt unter der Leitung von Mechthild immer getan hat.
Als vaf danken wir Mechthild Immenkötter für ihren jahrzehntelangen unermüdlichen und unbeirrten Einsatz für die Rechte von Frauen und den vaf.